MdB Hoyer
Der FDP-Außenexperte Hoyer zu Merkels Vorstoß
„Wir brauchen eine fundamentale UN-Reform”
Den Vorstoß von Bundeskanzlerin Angela Merkel für einen ständigen deutschen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hält der außenpolitische Sprecher der FDP, Werner Hoyer, für wenig aussichtsreich.
FRAGE: Herr Hoyer, frühere Bundesregierungen haben. sich vergeblich um einen deutschen Sitz im UN-Sicherheitsrat bemüht, Stehen die Sterne jetztgünstiger? WERNER HOYER: Das ist wirklich ein uraltes Projekt. Ich bezweifele aber, dass wir unter Kanzlerin Merkel damit weiterkommen. Zweifellos spiegelt die Zusammensetzung des UN-Sicherheitsrates nicht die Welt des 21. Jahrhunderts wider, sondern die Realitäten nach dem Zweiten Weltkrieg: Europa ist prominent vertreten, aber Regionen wie Afrika oder Lateinamerika spielen überhaupt keine Rolle.
Demnach droht sich Merkel zu verkämpfen? HOYER: Die beste Lösung wäre ein europäischer Sitz im Sicherheitsrat. Das Problem dabei ist allerdings, dass Großbritannien und Frankreich ihren ständigen Sitz aufgeben müssten, was ich mir kaum vorstellen kann. Oder aber die beiden Staaten wären über den europäischen Sitz ein zweites Mal vertreten. Das wäre die zweitbeste Lösung. Wenn die, wie ich vermute, auch nicht erreichbar ist, wäre der deutsche Sitz – immerhin – die drittbeste Lösung.
Warum sollte Europa faktisch drei Sitze bekommen, wenn Afrika überhaupt nicht mit am Tisch sitzt?
HOYER: Sicher müsste dann auch der Rest der Welt in dem Gremium Berücksichtigung finden. Wenn wir aber über Europa hinausschauen, dann ist dort die Gemengelage ähnlich. Asien will künftig auch über China hinaus vertreten sein, kann sich aber nicht auf ein weiteres Land einigen. Das Gleiche gilt für Lateinamerika und Afrika.
US-Präsident George W Bush ist offen für eine Erweiterung des Sicherheitsrates und hat dafür Japan genannt. War das auch als Seitenhieb gegen Deutschland zu verstehen? HOYER: Das muss man so verstehen. Denn früher hatte Deutschland in dieser Frage bei den USA viel mehr Sympathie. Bei einer Aktie, die so im freien Fall ist, wie die von George Bush, sollte man sich allerdings nicht unbedingt darüber ärgern. Die nächste amerikanische Administration wird für Deutschland wichtiger werden. Ich rechne damit, dass wir für Washington dann wieder der zentrale Ansprechpartner in Europa sind.
Das löst aber nicht die Probleme im UN Sicherheitsrat.
HOYER: Die Gefahr ist tatsächlich groß, dass wegen der vielen Einzelinteressen alles beim Alten bleibt. Damit würde man die Situation von 1945 festschreiben, was die Legitimation der Vereinten Nationen immer stärker in Frage stellt. Eine schlimme Situation.
Was sollte Angela Merkel tun?
HOYER: Die Glaubwürdigkeit Deutschlands wäre größer, wenn die Kanzlerin auf eine fundamentale Reform der Vereinten Nationen drängen würde. In diesem Zusammenhang könnte man auch über den europäischen oder eben den deutschen Sitz im Sicherheitsrat reden. Jedenfalls müssen wir davon wegkommen, die Frage des deutschen Sitzes ständig in den Mittelpunkt zu rücken.
Zur Person Werner Hoyer
Der 55 Jahre alte FDP-Politiker war von 1994 bis 1998 Staatsminister im Auswärtigen Amt und ist seit 2002 stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion seiner Partei. Hoyer ist zudem Vorsitzender des Fraktionsarbeitskreises für Internationale Politik.
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Außen „hui” und innen „pfui”
Opposition kritisiert Forderung nach Sitz im UN-Sicherheitsrat
BERLIN (ddp/rtr/dpa) Während sie in New York viel Beifall für ihren Auftritt vor der UN-Vollversammlung bekam, stößt hierzulande Angelas Merkel Vorstoß für einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen vor allem bei der Opposition auf Kritik.
Der Außenexperte der FDP begegnet der Idee mit Skepsis (siehe Interview oben), und auch die beiden anderen Oppositionsparteien im Bundestag gehen auf Distanz zur Forderung der Kanzlerin.
So bezeichneten die Grünen Merkels Vorstoß als halbherzig. „Ich glaube schon, dass ein deutlicheres Umgehen mit dieser Frage richtig gewesen wäre”, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Fraktion, Jürgen Trittin, am Mittwoch: „Sie hätte das Thema früher und offensiver angehen müssen.” Stattdessen habe Merkel in ihrer Rede vor den UN bewusst den Schulterschluss mit US-Präsident George W Bush im Iran-Konflikt gesucht. Dies sei ihr aber nicht gedankt worden.
Merkel hatte bei ihrem Auftritt vor der UN-Generalversammlung in der Nacht zum Mittwoch den Anspruch Deutschlands auf einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat untermauert. Das Vorhaben gilt aber als wenig aussichtsreich, solange die USA nicht mitziehen. Bush dämpfte die deutsche Hoffnungen. Er sprach sich zwar für eine Erweiterung des UN-Sicherheitsrats aus, schlug aber die Aufnahme Japans als weiteres ständiges Mitglied vor.
„Großmannssucht”
Auch die Linke hält den von der Bundeskanzlerin angemeldeten Anspruch auf einen ständigen Sitz Deutschlands im Weltsicherheitsrat für den „Ausdruck einer zunehmenden Großmannssucht deutscher Außenpolitik”. Anstelle Deutschlands wären vor allem Länder von Kontinenten gefordert, die bisher keine ständige Vertretung im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hätten, sagte der außenpolitische Sprecher der Linke-Fraktion im Bundestag, Wolfgang Gehrcke, am Mittwoch in Berlin. Ein Weltsicherheitsrat ohne Afrika, Lateinamerika und ein weiteres asiatisches Land sei ein „Anachronismus aus kolonialen Zeiten”. Europa stellt mit Frankreich, Großbritannien und Russland drei der bis jetzt, fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates.
Kritik kam auch vom Koalitionspartner SPD. Der sozialdemokratische Außenpolitiker Rolf Mützenich sagte: „Wir sollten uns endlich eingestehen: für einen solchen Sitz wird es keine Mehrheit geben. Die Anbiederung wirkt mittlerweile peinlich.” Internationaler Einfluss sei vor allem eine Frage einer „überzeugenden und ausgleichenden Außenpolitik”.
Die schwarz-gelbe Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohle: (CDU) hatte 1993 durch Außenminister Klaus Kinkel (FDP) erstmals offiziell das deutsche ‘Interesse an einer ständigen Mitgliedschaft im Sicherheitsrat angemeldet. Die rotgrüne Nachfolgeregierung verfolgt diesen Anspruch weiter -vergeblich-.
Das Gespräch führte STEFAN VETTER- Main-Post Würzburg/Main-Tauber vom 27. September 2007





