BW-Justizminister Ulrich Goll

Goll. Wir haben die Dinge im Griff
Justizminister führt Zuwachs bei Jugendgewalt auf Anzeigeverhalten zurück

STUTTGART Im vergangenen Jahr sind deutlich mehr Jugendliche als 2006 wegen Gewalttaten verurteilt worden. Der Zuwachs bei gefährlichen Körperverletzungen betrug 16,3 Prozent, bei einfachen Körperverletzungen 20,5 Prozent, teilte Justizminister Ulrich Goll (FDP) am Montag in Stuttgart mit.

Das sei aber kein Zeichen für eine immer kriminellere Jugend, sondern eher für ein verändertes Anzeigeverhalten und eine konsequentere Verfolgung körperlicher Übergriffe. Goll zeigte sich überzeugt, dass „wir die Dinge im Griff haben“. Die SPD hält Golls Erklärung für den Anstieg für realitätsfern und fordert mehr Hilfe für Jugendliche.

Nach Angaben des Statistischen Landesamtes wurden im vergangenen Jahr zwei von 100 Jugendlichen und drei von 100 Heranwachsenden schuldig gesprochen. Goll argumentierte: „Wo früher nach Schlägereien auf dem Schulhof oder Sportplatz vielleicht eher zur Tagesordnung übergegangen wurde, sind Eltern, Lehrer und Mitschüler heute sensibilisiert und rufen schneller die Polizei.“ Schulen, die sich früher aus Angst vor Imageschäden geschämt hätten, bei Straftaten die Polizei zu rufen, hätten heute keine Hemmungen mehr.

Keine Extrawurst
Die SPD im Landtag fordert frühzeitige Unterstützung junger Menschen, damit sie nicht auf die schiefe Bahn geraten. Dazu gehöre etwa, dass das Land sich wieder finanziell an der Schulsozialarbeit beteilige und mehr in Vorbeugung investiere. Der SPD-Innenexperte Reinhold Gall sagte, es zeuge von einer realitätsfernen Wahrnehmung, wenn Goll die steigenden Zahlen einzig auf ein sensibleres Anzeigeverhalten zurückführe.

Der Minister sprach sich erneut für eine strikte Anwendung des Erwachsenenstrafrechts auf Heranwachsende zwischen 18 und 21 Jahren aus. Er sei dagegen, dass für diese Altersgruppe eine „Extrawurst“ unter Berufung auf „Entwicklungsverzögerungen“ gebraten werde: „Die gibt es auch noch im Alter von 60 Jahren – ich treffe solche immer wieder.“ Abstufungen im Hinblick auf das Alter könnten dann im Vollzug immer noch vorgenommen werden. Eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht sei das Signal an die jungen Menschen, sie seien nicht so ganz verantwortlich für ihr Tun.

Im vergangenen Jahr seien insgesamt 9533 junge Menschen zwischen 14 und 18 Jahren verurteilt worden. Das sei ein Anstieg von 9,5 Prozent und eine Verdoppelung im Vergleich zu Anfang der 90er Jahre, sagte Goll. In Jahr 2006 war die Zahl noch um sechs Prozent gesunken. Die Gesamtzahl der Verurteilungen über alle Altersgruppen hinweg nahm dagegen nur um 1,6 Prozent auf 123 710 zu.

Nach den Worten von Goll unterscheidet sich die Kriminalität Jugendlicher deutlich von der Erwachsener. Fast die Hälfte aller 14- und 18-Jährigen wurden wegen einfachen Diebstahls (22,5 Prozent) oder Körperverletzung (23,5 Prozent) verurteilt. Auf Betrug oder Untreue entfielen 4,7 Prozent der Fälle.

Diese Delikte stellten bei den Verurteilungen Erwachsener dagegen mehr als ein Fünftel. Gewachsen ist auch die Zahl der Frauen unter den Verurteilten. Zwar richtete sich nicht einmal jeder fünfte Schuldspruch gegen eine Frau, aber mit 18,5 Prozent erreichte ihr Anteil einen Höchststand.

Laut Goll ist der Anteil der Menschen ohne deutschen Pass unter den 500 jugendlichen Intensivtätern im Südwesten überproportional hoch. Dies habe mit mangelnden Bildungschancen zu tun, sagte Goll, der Integrationsbeauftragter der Landesregierung ist. Die jetzt anlaufende Sprachstandsdiagnose für Kindergartenkinder und Sprachförderung seien Bausteine, der Kriminalität junger Migranten den Nährboden zu entziehen.

In 73 Prozent aller Verurteilungen verhängten Gerichte Geldstrafen, gefolgt von Freiheitsentzug (16 Prozent) und Verwarnungen und Jugendarrest (knapp 11 Prozent).

Ein junger Mann hebt seine geballte Faust. Im vergangenen Jahr sind in Baden-Württemberg deutlich mehr Jugendliche als 2006 wegen Gewalttaten verurteilt worden. ARCHIVFOTO DPA

Von JULIA GIERTZ – Main-Post Würzburg/Main-Tauber vom 28. Oktober 2008


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