FDP-Chef Guido Westerwelle
Die FDP verabschiedet sich vom Turbokapitalismus
Liberale zwischen Finanzmarktkrise und Machtverlockung
BERLIN Die Liberalen haben ein Problem mit der Finanzmarktkrise. Denn plötzlich ist der Staat wieder gefragt. Wie unsicher man ist, zeigt die Debatte, die der FDP-Finanzpolitiker Hermann Otto Solms auslöste, als er jetzt forderte, die zögerlichen Banken sollten gezwungen werden, sich unter den Rettungsschirm des Bundes zu begeben. Das finden viele ganz unliberal.
Rainer Brüderle hatte schnell ein Papier gemacht, eineinhalb Seiten als Antwort auf die globale Verwerfung der Märkte. Ein Sammelsurium von Ideen, von stärkerer Managerhaftung bis zur Einführung eines Ehrenkodexes für die Finanzbranche. Aber keine Analyse. Nach kurzer Beratung befand das FDP-Präsidium den Beitrag seines Vizevorsitzenden als zu dünn, und Brüderle zog ihn zurück. Das war vor zwei Wochen.
Gespannt wartet die FDP-Führung nun auf ein Grundsatzpapier, das der frühere Vorsitzende Wolfgang Gerharde, derzeit Chef der parteieigenen Denkfabrik Friedrich-Naumann-Stiftung, seit längerem angekündigt hat. Eine neue Rollenverteilung zwischen Staat und Markt will Gerharde darin angeblich definieren und dabei über die bisherige FDP-Linie hinausgehen, die da hieß, dass die Finanzmärkte neue Regeln bräuchten. Auch Prinzipien wie „Bescheidenheit, Maßhalten sowie die Tugenden des ehrbaren Kaufmanns” müssten wieder gelten. Doch eingetroffen ist das Papier in der Parteizentrale bisher nicht.
Die FDP verabschiedet sich gerade vom Turbokapitalismus, weiß aber noch nicht genau, wohin die Reise künftig geht. Das zeigt eine vorläufige Argumentation, die der Basis via Internet zur Verfügung gestellt wurde. Staatliche Eingriffe seien falsch, heißt es da. In den USA habe der Staat die Krise erst ausgelöst. Und auch in Deutschland zeige sich, dass er nicht der bessere Banker sei.
Andererseits hätten skrupellose Geschäftemacher die Situation ausgenutzt. Die FDP sei schon immer für klare Regeln auf den Finanzmärkten gewesen. Und dem Rettungspaket des Bundes habe man als einzige Oppositionspartei zugestimmt – aus „staatspolitischer Verantwortung”. Konsistent ist das noch nicht.
Was Freiheit in der globalen Finanzkrise bedeutet, ist das eine Thema, das die Liberalen derzeit bewegt, die Koalitionsfrage ist das andere. Seit der Wahl Horst Seehofers zum Ministerpräsidenten am Montag in München regiert die FDP nun in den vier größten Bundesländern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Baden-Württemberg und Bayern, mit und vertritt damit rund 50 Millionen Bürger. Immer als Juniorpartnerin der Union.
Der bayerische Koalitionsvertrag der bei den Bürgerrechten und der Bildungspolitik starke FDP-Elemente enthält, stärkt die Befürworter einer solchen Koalition auch auf Bundesebene. Ein „Signal nach Berlin” sei das, meinte die bayerische Chefunterhändlerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger genauso wie Niedersachsens FDP-Chef Philipp Rösler. Auch Westerwelle sprach nach der Koalitionsentscheidung in Bayern von „Rückenwind”, um im Bund wieder in Regierungsverantwortung zu kommen. Schon sahen sich die Jungen Liberalen zu der Mahnung genötigt, die SPD als möglichen Partner nicht aus den Augen zu lassen.
Nach bisheriger Planung will Westerwelle kurz vor der Bundestagswahl jedoch eine klare Aussage zugunsten der Union treffen. Anders als vor vier Jahren sollen andere Optionen dabei aber nicht ausgeschlossen werden. Man hält sich alle Türen offen. Weil das mit der Freiheit und dem Staat bei den Wählern womöglich doch anders gesehen wird als von Union und FDP
FDP-Chef Guido Westerwelle FOTO THERESA MÜLLER
Von unserem Berliner Korrespondenten WERNER KOLHOFF – Main-Post Würzburg/Main-Tauber vom 29. Oktober 2008





