Dr. Jorgo Chatzimarkakis, MdEP, (FDP)
EUROPA VOR ORT -
Dr. Jorgo Chatzimarkakis, MdEP, (FDP) Saarland
EU- Strategie zur Gesundheitsprävention
Im Bereich der Gesundheitspolitik werden zurzeit in Brüssel zwei Themen diskutiert, die auch eine beträchtliche Bedeutung für Deutschland mit sich ziehen.
Zum einen legt die Europäische Kommission einen legislativen Vorschlag dazu vor, wie man dem Patienten mehr Informationen zu verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ermöglichen kann. Zum anderen steht eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs an, ob das deutsche Fremdbesitzverbot für Apotheken mit der Niederlassungsfreiheit für Kapitalgesellschaften aus dem EG-Vertrag vereinbar ist. Parallel dazu läuft ein Vertragsverletzungsverfahren der EU- Kommission gegen Deutschland zum Mehrbesitzverbot. Damit stehen zwei Grundfesten des deutschen Apothekenwesens in Frage.
Wie kommt es dazu, dass Europa sich mit dem Informationsdefizit des europäischen Patienten beschäftigt? Ein Grund dafür liegt in der Rolle des Patienten im Gesundheitswesen, die sich zusehends ändert. In der Vergangenheit dominierte das Patientenbild, das den Patienten primär als passiven Empfänger von Gesundheitsleistungen sah. Der heutige Patient muss jedoch gezielt mehr Verantwortung für seine Gesundheit sowie die dafür anfallenden Ausgaben übernehmen und eine aktive Rolle bei seiner Therapie einnehmen. Aus dem bisherigen Ärztemonolog gegenüber dem Patienten muss ein aktiver Arzt- Patienten Dialog werden. Dabei spielen Patienteninformationen eine zentrale Rolle. Durch zusätzliche Informationen kann das Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung verbessert und das Arzt-Patienten-Verhältnis durch lebhaftere Kommunikation und verantwortungsvolle Patienten positiv beeinflusst werden. Weiterhin können zusätzliche Informationen zur Senkung der Gesundheitsausgaben durch geringere Folgeerkrankungen beitragen. Auch kann der Therapieerfolg gefördert werden, wenn der Hersteller ergänzend zum ärztlichen Beratungsgespräch Patienteninformationen über Arzneimittel in verständlicher Form zugänglich macht. Die konstruktive Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Patienten ist ein entscheidender Eckpfeiler zur Prävention und Bekämpfung von Erkrankungen.
Hinzu kommt, dass gesetzliche Krankenkassen und Mitgliedsstaaten sich finanziell nicht mehr in der Lage sehen, dem sich ständig wandelnden Informationsangebot aber vor allem der Nachfrage nach aktuellen Indikationen Rechnung zu tragen. Eine ihrer größten Befürchtung ist, dass durch den informierten und damit über innovative Medikamente aufgeklärten Patienten ihre Gesundheitsausgaben wachsen könnten. Jedoch verkennen sie dabei, dass gerade der aufgeklärte Patient die Krankenkasse entlasten kann. Zusätzlich steht der Vorwurf im Raum, dass die Pharmaindustrie nur ihren Profit steigern wolle. Dem steht entgegen, dass nur durch die Pharmaindustrie Informationen über Medikamente auf dem neusten Stand gehalten werden können.
Wir brauchen also die Industrie als Informationsquelle, jedoch müssen hohe inhaltliche, qualitativ hochwertige Anforderungen an den Begriff Information gestellt werden. Als Lösung kommt daher eigentlich nur ein PPP (Public Private Partnership) in Frage, also ein Bündnis zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor, das über die zu verbreitende Direkt- Information entscheidet. Auch das Erstellen von zertifizierten Webseiten durch die europäische Arzneimittelbehörde in London (EMEA) wäre eine mögliche Form der öffentlich-private Partnerschaft und der Selbstregulierung der Hersteller.
Die Aufgabe, Patienten den Zugang zu Innovation und vor allem zu Information zu ermöglichen, muss noch in dieser Legislaturperiode gelöst werden. Wichtiger Bestandteil des neuen Konzepts muss Vorbeugung (Prävention) sein, zum Wohlergehen des Patienten, der im Mittelpunkt der neuen Zuordnung zu sehen ist. Prävention bedeutet nicht nur Vermeidung von Ausgaben, sie beinhaltet auch Marktchancen, insbesondere für Leistungserbringer wie die Apotheker. Der Bedarf an pharmazeutischer Beratung wird aufgrund des medizinischen Fortschritts und der immer informationshungrigeren Patienten beträchtlich zunehmen. Vorsorgegespräche und gesundheitliche Beratung in der Apotheke werden damit immer mehr an Bedeutung gewinnen. Dies setzt jedoch voraus, dass Apotheker neben ihrer heilberuflichen zunehmend auch ökonomische Kompetenzen ausbilden. Die neue Rolle des Apothekers wird es auch sein, dem zunehmenden Ärzteschwund entgegenzuwirken, insbesondere in einem Land wie Deutschland, wo immer mehr Ärzte ins Ausland abwandern. % .
Die deutsche Apothekerlandschaft steht vor rasanten Entwicklungen: Nicht nur ist Ende dieses Jahres, wie angesprochen, mit dem EuGH -Urteil zum Fremdbesitz zu rechnen. Auch hat die Europäische Kommission gegen Deutschland ein Vertragsverletzungsverfahren aufgrund des deutschen Mehrbesitzverbots eingeleitet, um dessen Konformität mit dem EU Recht zu untersuchen. Ein weiterer Fall der deutschen Apothekenlandschaft beschäftigt, ist der Bestell- und Abholservice von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln in Drogeriemärkten. Eine zeitgemäße Weiterentwicklung des Apothekenrechts muss die Gewährleistung der Arzneimittelversorgung unter Garantie eines reichhaltigen Sortiments an Medikamenten in Apotheken berücksichtigen.
Dr. Jorgo Chatzimarkakis, MdEP, (FDP)
Sonderrubrik: Gastbeiträge aus anderen Landesverbänden Saarland EU-Newsletter vom 25.06.2008 Seite 6 von 7


